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News


5. Afrika Symposium 2010

27.09.2010 11:35 von Okafor


Afrikasymposium 2010

50 Jahre Unabhängigkeit Afrikas

Die Rolle des Kolonialismus in Afrikas Armut. Welchen Ausweg gibt es?

16. Oktober 2010

AK Saal Linz

 

Die Podiumsdiskussion

Das 5. Afrikasymposium wird von Geschäftsführer der Black Community Anselem Uche Njoku und Mag. Dr. Renate Müller der Oö. Landesregierung eröffnet. Der anschließende Film „Schatten über dem Kongo“ behandelt die Kolonialgeschichte des heutigen Zaire. Beginnend mit der Einsetzung des belgischen Königs Leopold II als Herrscher über den Kongo im Jahre 1885 werden die Auswirkungen der Tyrannenherrschaft bis hin zur gegenwärtigen Ausbeutung der Ressourcen und der politischen Instabilität des Staates dokumentiert. Der Film, der bei den zahllosen ZuseherInnen starke Gefühle aufwühlte, dient als Einstieg in das diesjährige Thema des Symposiums.

Moderatorin Njideka Stephanie Iroh, selber Teil der afrikanischen Diaspora in Österreich, zitierte in ihrer Eingangsrede den ersten Präsidenten Ghanas Kwame Nkrumah:

„The independence of Ghana is meaningless unless it is linked up to the total liberation of Africa“.

Nun haben auch die vier Podiumsmitglieder die Möglichkeit, ein Statement abzugeben.

Linda Iroegbu von OPOPAO (Organisation for Old People of African Origin) meint, dass durch die Unabhängigkeit Kolonialismus nur ins Dunkle gerückt wurde, aber die Mechanismen weiter präsent sind. Kolonialismus wird nicht von allen als nur negativ wahrgenommen, schließlich brachte er manchen großen wirtschaftlichen Erfolg, während es andere durch diese Ausbeutung von Arbeitskraft und Bodenschätzen in Armut und Abhängigkeit zurückließ. Entwicklungszusammenarbeit trage ebenso zu weiterer Abhängigkeit von der westlichen Welt bei, wie die Tatsache das Afrika nach der Entkolonialisierung keine Zeit hatte sich zu erholen und sofort in die Weltwirtschaft eingegliedert wurde. Afrikas Armut sei aber nicht nur materiell, sondern auch ein Mangel an Kultur und Identität, da sich viele Afrikaner von ihrer Kultur distanzieren, so Iroegbu. Sie begründet dies damit, dass Afrika immer als Verlierer porträtiert wird und sich daher viele abwenden. Iroegbu findet auch aufheiternde Worte. Obwohl Afrika viel Leid erfahren hat, zeige es dennoch Stärke, meint Iroegbu selbstbewusst. Freier Handel, neue Verträge, NGOs und das Wissen der Diaspora-Afrikaner können Afrikas Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Dr. Walter Schicho, Univ. Prof. für Afrikanische Geschichte (im Ruhestand) am Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien, sieht sich selbst nicht nur als Zeithistoriker sondern auch als Zeitzeuge. Er meint, der wissenschaftliche Diskurs und das Handeln der Akteure stehen schon sein langem im Widerspruch zueinander. So wurde in den 1960er Jahren nachhaltige Entwicklung propagiert, doch auf die politische Unabhängigkeit afrikanischer Staaten folgte die wirtschaftliche. Der Abstand zwischen arm und reich vergrößerte sich. Wurden in den 1970er Jahren mehr Zugeständnisse gefordert, wurde in der Realität der Grundstock Afrikas Verschuldung gelegt. Wollte in den 1980er Jahren noch der Westen diktieren, wie diese Verschuldung gelöst werden muss, war man in den 1990ern der Meinung, dass Afrika die Probleme nur selber lösen kann. Dennoch konnten sich Krisen und Kriege nur mit der Unterstützung globaler Akteure weiter verschlimmern. Im Jahr 2000 wurden von Vertretern der UNO, der Weltbank, der OECD und mehreren NGOs Millenium Development Goals formuliert (Anm.: MDG: Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, Gleichstellung der Geschlechter, Senkung der Kindersterblichkeit, Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter, Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten, ökologische Nachhaltigkeit, Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung) . Eines dieser Ziele ist die Reduktion von Armut. Doch es wurden keine Lösungen geliefert. Auch der Frage nach der Schuld an Ungerechtigkeit wird ausgewichen.

Dr.in Veronika Wittmann von der JKU Linz wirft ein, dass 50 Jahre Unabhängigkeit nicht auf alle afrikanischen Staaten zutrifft und dass eine Differenzierung nötig ist. Sie bestätigt, dass in der Armutsreduzierung nur wenig globale Verantwortung, z. B. im Welthandel, übernommen wird. Wittmann weiß, dass Armut nicht getrennt von wirtschaftlichen Aspekten betrachtet werden kann, nennt jedoch auch politische Eliten (bzw. deren Fehlen) als einen wichtigen Faktor. Nicht ohne Grund sind unter den Top 10 des „Failed State Index“ sieben afrikanische Staaten vertreten (Anm.: Somalia, Chad, Sudan, Zimbabwe, D. R. Congo, Central African Republic, Guinea). Sie fordert daher Sichtbarmachung im Norden und Ownership für den Süden. Die Situation sei jedoch wandelbar, so Wittmann, durch Empowerment von Frauen und NGOs, nicht jedoch der Wirtschaft.

Dr. Chibueze C. Udeani, Direktor am Institut für Caritaswissenschaften an der katholisch-theologischen Privatuniversität Linz, stellt die Frage: Wozu feiern? Er bezweifelt, dass ich die Welt verändert hat und ist auf der Suche nach den Lumumbas von heute (Anm.: Freiheitskämpfer Patrice Lumumba war Premierminister der D. R. Congo, wurde jedoch von seinen Widersachern und mit Unterstützung aus dem Westen ermordet). „Afrika muss geholfen werden“ bedeutet für Udeani „Es ist Zeit uns selbst zu helfen“. Er ist der Meinung, dass die Schuldfrage nicht zielführend ist, sondern die Suche danach, was Afrikaner selber tun können um sich aus dem Dilemma zu befreien. Essentiell ist für ihn daher auch die Frage, nach dem „wofür“ der Unabhängigkeit, nicht nach dem „wovon“. Udeani bezweifelt auch, dass die Welt bereit ist, Afrika unabhängig zu sehen. Als Beispiel führt er die WM in Südafrika an. Schon im Vorfeld gab es Warnungen an die Bürger dieser Welt, doch Afrika wurde unterschätzt, die Fußballfans geschützt, der Strom geliefert, Südafrika hat es geschafft als erstes Land auf dem Kontinent eine WM durchzuführen. Doch nun spricht niemand mehr davon. Während die Welt bereit sein muss, den Preis für Afrikas eigene Produkte zu zahlen, muss Afrika die Demutshaltung ablegen und an seine eigene Stärke und Ressourcen glauben.

Nach der Positionierung der PodiumsteilnehmerInnen, beteiligt sich das Publikum mit Fragen und Statements. Ein Zuhörer erklärt, dass Afrika nicht die Zeit hatte, sich zu fragen, wovon es unabhängig wurde und daher im gleichen Boot wie damals sitze.

Eine Frau kritisiert den Film da er die Versöhnung nicht fördert, sondern eher erschreckend ist. Zudem sei der nicht für Kinder geeignet. Eine weitere Frau schlägt eine Altersfreigabe ab 16 vor. Eine Dritte findet, dass der Film erschreckend sein muss, damit er die Menschen bewegt. Schließlich sehen wir Gräueltaten täglich uns sind schon abgestumpft. Außerdem sind wir es, die auf Kosten der Anderen leben. Später meldet sich auch ein Mann zu Wort, der selber im Kongo geboren ist. Er ist froh, dass diese Bilder im Film gezeigt werden, da die Menschen vor Ort sie täglich erfahren, auch die Kinder. Auch die Caritas zeige hungernde afrikanische Kinder auf Postern. Von den AfrikanerInnen in Europa fordert er ein aufeinander Zugehen, dass sie an Veranstaltungen teilnehmen und ihren Kindern sowohl ihre Muttersprache als auch Deutsch beibringen. Udeani kontert, dass Kinder diesen Film als Diskussionsgrundlage nehmen können, dass man Schmerzen zeigen müsse um darüber sprechen zu können. Das Leiden der Kinder dort habe auch keine Altersgrenzen, warum also welche für den Film einführen? Einige Zuhörer stimmen zu.

Ein Teilnehmer erzählt von Kindersoldaten und Jugendbanden und fragt sich, wie lange es dauern wird, bis Afrika Einheit findet. Auch, wie der Prozess des Vergebens eingeleitet werden kann um Frieden zu schaffen. Kritisch wird gefragt, ob sich Afrikas Situation in den letzten Jahren nicht noch verschlimmert hat, da die Unterdrückung nun von den eigenen Leuten verübt werde.

Moderatorin Iroh bezeichnet dies den Neokolonialismus, wobei heute Marionetten die Stelle der Kolonialherren von damals übernehmen. Wittmann schlägt dazu das Buch „Schwarze Haut, weiße Masken“ (Anm.: Frantz Fanon, 1952) vor, dass sich genau mit dieser Thematik auseinandersetzt. Auch sie stellt die Frage nach dem Panafrikanismus, einer African Union oder einer Renaissance Afrikas. Dies hätte ein erstärktes Selbstbewusstsein zu Folge und würde aus der Dilemmasituation Afrikas und seiner paternalistischen Haltung befreien. Für sie wird ein ganzer Kontinent defizitär erklärt, sowohl in Europa, aber auch innerhalb Afrikas. Es seien Gespräche auf Augenhöhe nötig, so Wittmann. Europa müsse mehr Verantwortung übernehmen, Reparationszahlungen leisten oder zumindest sich Entschuldigen. Sie hält ein Plädoyer für die Übernahme politischer Verantwortung und weg vom Defizitansatz. Auch Schicho ist der Meinung, dass über Reichtum gesprochen werden muss, nicht über Armut.

Ein englischsprachiger Teilnehmer stellt die Frage, was die Weltgemeinschaft beim Tod von Lumumba getan hat bzw. was sie heute für die Unabhängigkeit Afrikas tut. Ein anderer fordert die entwickelten Länder auf zu erklären, warum es in Afrika kaum Traktoren oder Fabriken gibt, dafür aber jede Menge Waffen und Munition. Einerseits wird Afrika erklärt, es muss selber Lösungen finden, doch andererseits wird militärisch eingegriffen. Er fordert daher ein sofortiges Stopp der Waffenlieferungen nach Afrika.

Udeani fordert die Weltgemeinschaft auf, selber Schuld zu übernehmen. Der Zukunft muss auch mit Ungewissheit entgegengetreten werden, kurzfristige Lösungen müssen abgelehnt werden. Er fragt auch, warum es andere Regionen geschafft haben sich vom Kolonialismus zu befreien, jedoch Afrika nicht. Er spricht dabei die Gelder der EU für Preisregulierung an, sowie jene der USA für ihre Kriegsmaschinerie. Weiters nennt er die Menschenrechte, aber auch, dass er seine Stimme nicht erheben darf. Iroegbu meint dazu leicht zynisch: wenn Afrika auf die internationale Gemeinschaft wartet, wartet es für immer. Die Gemeinschaft unterstützt den Krieg, warum sollte sie den Opfern zu Hilfe kommen? Die Welt wird sich keinen neuen Konkurrenten schaffen. Außerdem stellt sie den Afrikanern die Frage, warum sie jene um Hilfe bitten, welche die Ausbeutung begannen.

Jemand fragt nach dem Einfluss des Kolonialismus auf das Afrika hier und heute, nach dem Grund gerade diesen Film zu zeigen. Schicho sieht den Film ambivalent. Einerseits ist er gut, da er Geschehenes aufzeigt, andererseits ist der Inhalt schlecht, da er die Probleme an einzelnen Individuen und Akteuren festmacht, und die Strukturen außer acht lässt.

Ein Kongolese bezieht sich auf den Film und fragt Udeani und Schicho nach der Zeit, in der die AfrikanerInnen am glücklichsten waren – vor dem Kolonialismus, in der Sklaverei oder nach dem Kolonialismus in der Diktatur. Er fragt auch, wohin das Geld nach dem Tod des Diktators verschwunden ist. Dann erklärt er von seiner Zeit als Beamter. Nach den Wahlen wurde um Hilfe gebeten, nach einem kleinen Marschallplan, doch Europa lehnte aufgrund eigener Probleme ab. 14 Jahre später lehnte Amerika ab, da sie Probleme im Irak haben. Wer jedoch soll Afrikas Wirtschaft aufbauen?

Ein Teilnehmer aus Wien stellt kritisch die Frage nach der Unabhängigkeit der Länder in den Raum. Sei denn Österreich von Deutschland unabhängig? Er fordert alle auf, die Realität bekannt zu machen, z. B. Informationen in Newslettern zu verbreiten. Weiters fordert er eine Rechnung an Europa zu stellen und will diese mit weiteren Freiwilligen am nächsten Tag dem Bundeskanzler übergeben.

Nach dieser interaktiven Sequenz werden die Mitglieder des Podiums aufgefordert, ein kurzes Abschlussstatement abzugeben.

Wittmann sieht einen Grund zu Feiern – Empowerment. Positives muss hervorgehoben werden. Der Afrikanische Kontinent hat immer bewiesen, dass er widrigen Umständen trotzen kann – mit Selbstbewusstsein.

Udeani bezieht Position zur Armut-Reichtum-Diskussion. Für ihn ist der Reichtum Afrikas oft das Problem, denn es waren die Bodenschätze etc. welche die Unterdrücker anlockten. Er fordert eine Rückbesinnung auf das Wesentliche und zitiert dabei u. a. Bob Marley:

„Emancipate yourself from mental slavery“ & „Free your mind“

Schicho erklärt: Wir sind alle Teil des Problems, nicht der Lösung.

Iroegbus Lösung liegt in der Frage der Identität. Afrika muss weg davon, so sein zu wollen wie der Westen.

Auch Moderatorin Iroh setzt auf Empowerment und den Austausch untereinander. Sie spricht von der Entkolonialisierung des Verstands – „Dekolonising the mind“. Sie ist überzeugt, dass es auch heute noch viele Patrice Lumumbas, Malcom Xs usw. gibt, die für die afrikanische Befreiung kämpfen.

Ike Okafor schließt mit den Worten: Man muss die Geschichte kennen, die eigene Identität kennen, erst dann kann man sich integrieren.

„What can I contribute to make Afrika free?“.

 



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